Der Wunschpunsch

 

Der Wunschpunsch – Zaubermärchen von verblüffend aktueller Brisanz

Seinen Roman Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch schrieb Michael Ende in einer dunklen, belasteten Zeit seines Lebens. Nach dem Tod seiner ersten Frau Ingeborg Hoffmann hatte er sein Idyll in Genzano verlassen und war in seine Heimatstadt München zurückgekehrt. Vom Verlust der Gefährtin, die ihn mehr als dreißig Jahre lang begleitet hatte, war er in seinen Grundfesten erschüttert, und der Verlust der geistigen Heimat Italien machte nichts einfacher. Erst als mit Mariko Sato wieder eine Frau an seine Seite trat, mit der er Arbeit und Leben teilte, begann er, sich neuerlich zu Hause zu fühlen, was sich bei ihm stets an Menschen, nicht an Orten festmachte. Ausgerechnet in diesem Moment musste er jedoch feststellen, dass sein Finanzverwalter sein gesamtes Vermögen durchgebracht hatte und er mit Schulden in Millionenhöhe dastand. Menschlich enttäuscht und finanziell ruiniert, war er gezwungen, sich seinen Unterhalt zu erschreiben wie als junger Mann. 
Michael Ende aber ließ sich nicht zwingen. Aus der Außenwelt, die ihm einmal mehr verstörend und fremd erschien, zog er sich in seine Innenwelt zurück und schrieb, was er wollte. Den Satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch, von dem er später sagte, er sei sein wohl lustigstes Buch.
Die Thematik war dabei alles andere als lustig: Der von finanziellen Machenschaften bedrohte Autor befreite sich aus der Not, indem er ein Buch über die Bedrohung der Welt schrieb, eine Bedrohung, die heute vornehmlich junge Menschen zu Tausenden auf die Straße treibt. Und er tat es auf unvergleichlich Ende’sche Weise: Ohne selbstgerechte Moralpredigt, ohne erhobenen Zeigefinger, stattdessen in einer Explosion aus Magie und Humor. Das bedeutete keineswegs, dass er seine tiefe Bestürzung über den Zustand der Welt verharmlost oder beschönigt hätte. Der beklemmende Unterton schwingt unaufhörlich mit, während die Tiere ihre Kapriolen schlagen und Zauberer und Hexe sich in ihren fulminanten Streit verbeißen. Die Furcht vor dem, was Gier und Machtstreben in unserem Lebensraum anrichten, prägt unmerklich das Geschehen: Da sind zwei, die nur überleben können, wenn sie die Welt mit Grauen und Verwüstung überziehen. Und es gibt nichts, das sie davor zurückschrecken lässt.
Davor darf man sich fürchten, gleich welchen Alters man ist. Sich amüsieren und lachen darf man trotzdem, weil das Bewältigungsstrategien sind, die von innerer Stärke zeugen und für Michael Ende unentbehrlich waren. Zudem war ihm Verbissenheit wesensfremd. Seine Geschichten besitzen  zahllose Facetten und ihre Welten lassen sich durch immer wieder neue Türen betreten. Einem Zweck – auch keinem noch so dringlichen - hätte er keine von ihnen untergeordnet. 
Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch erschien 1989 und sollte Michael Endes letzter vollendeter Roman bleiben. Wie seine Vorgänger wurde auch dieser ein großer internationaler Erfolg, der seinen Autor aus der Schuldenfalle befreite und ihm seine Unabhängigkeit zurückschenkte. Seine komödiantische Verarbeitung einer tödlichen Bedrohung wirkt heute frischer und aktueller denn je und erfreut sich ungebrochener Beliebtheit. Den Theaterliebhaber Ende hätte womöglich besonders gefreut, dass der Wunschpunsch beständig neu auf die Bühne gestellt wird und die Zuschauer ebenso begeistert wie die Leser.

Die Figuren

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Beelzebub Irrwitzer

Beelzebub Irrwitzer

Für sein Alter – er ist erst 187 Jahre jung – hat Beelzebub bereits allerhand erreicht, auf das er mächtig stolz ist: Er ist geheimer Zauberrat und hat für seine wissenschaftlich durchdachten Zerstörungsakte jede Menge Diplome errungen. Er hasst Katzen, Menschen, seine Tante und eigentlich alles – bis auf die Farbe Giftgrün, seine gruselige Villa Alptraum und sich selbst. 

Der Wunschpunsch
Maurizio di Mauro

Maurizio di Mauro

Straßenkater Moritz mag nichts Besonderes sein, doch in seinen Träumen wird er zu Maurizio di Mauro, dem Sänger aus neapolitanischem Adel, der mit seiner Katzenmusik die Welt entzückt. In der profanen Wirklichkeit leidet er allerdings unter Übergewicht und Trägheit, was die Erfüllung seines Auftrags vom Hohen Rat der Tiere erschwert. Sobald er jedoch den Raben zum Freund gewinnt, beginnt er wie ein Löwe um die Rettung der Welt zu kämpfen – denn mit einem Freund an der Seite verdoppeln sich Kräfte, und man braucht kein Adliger zu sein, um etwas zu zählen. 

Der Wunschpunsch
Jakob Krakel

Jakob Krakel

Der Rabe Jakob ist kränklich und mürrisch, verliert seine Federn und hat zur Zusammenarbeit mit einem verfetteten Kater eigentlich überhaupt keine Lust. Stattdessen prahlt er lieber mit seinen Erfolgen bei der Damenwelt, doch die Bedrohung der Welt bedroht auch ihn. Wenn er das Schlimmste verhindern will, muss er seine Vorurteile überwinden und, statt aufzuschneiden, zeigen, was wirklich in ihm steckt. 

Der Wunschpunsch
Tyrannja Vamperl

Tyrannja Vamperl

„Tante Tyti“, wie Irrwitzer die verhasste Verwandte nennt, gehört zur Gattung der Geldhexen. Vom schnöden Mammon ist sie derart besessen, dass sie statt einer Handtasche einen Tresor mit sich herumschleppt. In den dreihundert Jahren, die sie auf der Welt  bereits ihre Kreise zieht, hat sie wenig mehr getan, als Reichtum an sich zu raffen, und auch als ihr nacktes Leben bedroht ist, begreift sie nicht, dass das letzte Hemd bekanntlich keine Taschen hat …

Der Wunschpunsch

O-Ton Michael Ende:

Ökologische Bewegung

 

Vertonung

Michael Ende betrachtete sich selbst weit lieber als Geschichtenerzähler denn als Autor. In seinem Elternhaus wurde unendlich viel erzählt – nicht nur von den Familienmitgliedern untereinander, sondern auch von den zahllosen Besuchern, die in dem Künstlerhaushalt aus und ein gingen. Michael Ende selbst ließ sich seine eigenen Texte grundsätzlich von seiner Frau, der Schauspielerin Ingeborg Hoffmann, vorlesen und erlebte sie auf diese Weise neu.
Das Hörbuch zum Wunschpunsch, mit Verve und Gespür eingelesen von Christoph Maria Herbst, hätte er sich zweifellos mit dem größten Vergnügen angehört.

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Der Wunschpunsch im Düsseldorfer Marionettentheater

1982 war der Beginn einer langjährigen freundschaftlichen Verbindung der Düsseldorfer Marionetten mit Michael Ende. Sieben Ende-Stücke, zu denen der Komponist Wilfried Hiller jeweils die Musik schrieb, wurden seitdem inszeniert: „Norbert Nackendick“ (1982), „Der Wunschpunsch“ (1990), „Das Gauklermärchen“ (1998), „Momo“ (2002), „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ (2008), „Jim Knopf und die Wilde 13“ (2009), „Die unendliche Geschichte“ (2012).
Bei den ersten beiden Inszenierungen arbeitete Ende als Sprecher und Ideengeber mit. Schon bei den Arbeiten an „Norbert Nackendick“ hatte Ende versprochen, einmal ein Puppentheaterstück für Erwachsene zu schreiben und hatte dabei sein Hörspielmanuskript „Der Zauberpunsch“ im Auge, das er 1961 für den Süddeutschen Rundfunk verfasst hatte. 1989 erschien dann endlich das Buch „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“, das schnell zum Bestseller wurde. In enger Zusammenarbeit mit Ende machte sich daraufhin das Düsseldorfer Marionetten-Theater mit seiner Mitarbeiterin Susanne Kröber daran, das Buch für das Puppenspiel zu dramatisieren, während Ende selbst die Theaterfassung für das Schauspiel schrieb. Zwei Wochen vor der Düsseldorfer Marionetten Uraufführung wurde das Stück in Hamburg als Schauspiel uraufgeführt. Ein Glücksfall waren die gemeinsamen Arbeitstreffen in München, bei denen das Konzept ausgebrütet und viele Ideen ausgeheckt wurden. Unvergessen, als Ende den St. Sylvester improvisierte, begleitet von Wilfried Hiller am Klavier mit choralartigen Klängen, um zu zeigen, wie er sich die Szene vorstellen könnte.
Wegen des solistischen und komödiantischen Spiels der Figuren und der vielen Zaubereien, die zu realisieren waren, wurde entschieden, die schwarz gekleideten Puppenspieler mit kurz geschnürten Marionetten auf der Bühne auftreten zu lassen. Die Puppen sollten so lebendig wie möglich wirken. Um ihnen einen morbiden Charakter zu verleihen, wurden die Köpfe und Hände nicht aus Holz geschnitzt, sondern aus Textilien angefertigt. Aufgrund von Endes Ideenfeuerwerk waren auf dem Weg zur Herstellung des Punschgebräus eine Menge von „special effects“ zu erfinden: eine Punschterrine aus kaltem Feuer, aus einem Ei schlüpfende Spinnen, eine Knochenorgel, bei deren Spiel eingeschlossene Elementargeisterchen gequält werden, der Punsch als bedrohliche Riesenamöbe, die vierte Dimension, Hypnosestrahlen für das Zauberduell oder die groteske „Aua-Uhr“…
„Eine zauberhafte Inszenierung mit viel Witz und Poesie“, urteilte Michael Ende nach seinem Besuch im Düsseldorfer Marionetten-Theater.
„Der Wunschpunsch“ ist die häufigst gespielte Inszenierung des Marionetten-Theaters. In den bislang 1.304 Vorstellungen ist viel passiert: Das Zaubergeld wurde irgendwann selbstverständlich von der guten alten D-Mark auf Euro umgestellt, Tante Tyti trägt bereits ihr drittes Kleid, hatte schon etliche Hüft-OPs und ihre Schuhe mussten auch schon neu besohlt werden. Und dass Beelzebub Irrwitzer 2019 immer noch einen Nadeldrucker mit Lochpapier benutzt, wurde mit der Zeit zum zusätzlichen Gag.

Anton Bachleitner

Foto Copyright: Düsseldorfer Marionettentheater

 

Der Wunschpunsch – in der Theaterlandschaft

Nicht nur auf der Marionettenbühne, sondern auch in Theater und Oper erweist sich der Wunschpunch als außerordentlich beliebt. Vornehmlich als Weihnachtsstück, als Zaubermärchen für Zuschauer jeden Alters und zum Jahreswechsel wird es immer wieder neu inszeniert. Dabei scheint es keinerlei Patina anzusetzen – antiquiert wirkt höchstens Irrwitzers altmodischer Drucker, doch das Stück selbst bleibt frisch und aktuell.  
 
Bereits seit 30 Jahren vertritt der Verlag für Kindertheater Weitendorf die Bühnenrechte für viele Werke von Michael Ende. Die ersten Verträge wurden noch auf der Schreibmaschine getippt – ein Drucker wirkte damals beinahe futuristisch! Seitdem hat sich viel geändert, nur dass der Mensch manchmal ein „irrwitziges“ Wesen treibt, das ist leider noch immer so: Der Kater Maurizio und sein Mitstreiter Jakob Krakel haben darum auch heute noch alle Pfoten und Flügel voll zu tun, um die teuflische Wirkung des „Punschs aller Pünsche“ zu vereiteln. Doch sie wissen sich dabei im Bunde mit Generationen von Kindern!
 
Michael Ende scheute sich nie, den Zustand der Welt kritisch zu betrachten und dort schreibend einzugreifen, wo es ihm dringend notwendig erschien. Aber er hat seine kindlichen Leser zu sehr gemocht, um ihnen Angst machen zu wollen. Der „Wunschpunsch“ ist heute deshalb noch frisch und aktuell, weil der Autor gerade keine effektheischende „Dystopie“ entwickelt hat. Er hat ein ernstes Thema künstlerisch überhöht, hat durch die phantastischen Elemente eine kritische Distanz zum Tagesgeschehen geschaffen, um seinen Lesern und Zuschauern den Freiraum (und die Freiheit!) zu schenken, selbst über die Handlung hinausdenken zu können, sich in nichts geringem als der Kunst des Urteilens zu schulen.
 
Ohne die kindlichen Leser und Zuschauer in ihren Hoffnungen und in ihrer Zuversicht zu erschüttern, schrieb Michael Ende vom großen Kampf des Menschen: gut gegen böse. Im Vertrauen darauf, dass Kinder, deren Phantasie gefördert wird, von sich aus die richtige Seite wählen werden und einmal angstfrei und erfinderisch den Irrwitzers und Tyriannas den Garaus machen werden. Denn gute Geschichten können Kinder stark machen, unabhängig im Denken, großherzig im Fühlen. Wir alle im Verlag für Kindertheater sind darum sehr froh, Kindern jeden Tag so wunderbare Geschichten wie die von Michael Ende anbieten zu dürfen.
 
Juliane Lachenmayer 

Geschäftsführung
Verlag für Kindertheater Weitendorf GmbH
chronos theatertexte
http://www.kindertheater.de/
 

Foto Copyright: Theater Münster © Oliver Berg.

 

Michael Ende und der Wunschpunsch

Die Zerstörung der Welt war für Michael Ende keine theoretische, schwer vorstellbare Möglichkeit, sondern nackte Realität. Bereits als Sechzehnjähriger hatte er die vollkommene, beispiellose Zerstörung miterlebt, die der Wahnwitz eines Vernichtungskrieges über die Welt seiner Kindheit (Ende war Jahrgang 1929) gebracht hatte.
Wohl auch aus dieser Erfahrung heraus perfektionierte er die schon im Elternhaus erlernte Fähigkeit, sich aus einer unerträglich gewordenen Außenwelt in eine Innenwelt zurückzuziehen, die er selbst mit Werten wieder füllen und damit aus der Leere heraus retten konnte. Was ihm von der Literaturkritik seiner Zeit als Realitätsflucht ausgelegt wurde, ist in Wahrheit eine Überlebensstrategie, die in die Lage versetzt, um den Erhalt der eigenen Lebenswelt sinnvoll, fern von blindem Aktionismus und ohne völligen Kräfteverschleiß zu kämpfen.
Sein Garten in Genzano war womöglich der Ort, in dem Außenwelt und Innenwelt für Michael Ende am innigsten vereint waren. In den 3000 Quadratmetern seines Olivenhains erfreuten sich seine Hunde, Katzen und Schildkröten ihres Daseins. Tiere waren ihm zeitlebens wichtig, er empfand sie als Freunde und ein Zuhause war für ihn nicht vollständig, wenn kein Tier es mit ihm teilte. Daneben war der Hain jedoch von Dryaden, Nymphen und zahllosen weiteren fantastischen Geschöpfen bevölkert, für die die Endes ebenso einfühlsam Sorge trugen wie für ihre Tiere und Pflanzen. Als Michael Ende diese harmonische Zwischenwelt aufgab, beließ er sie intakt: Er vermietete Haus und Grundstück an einen Interessenten, der bereit war, die dort beheimateten Tiere ebenso zu übernehmen wie die umherschwirrenden Fabelwesen, die blühenden Bäume und Sträucher.
Nach der Vertreibung aus seinem persönlichen Paradies mag Ende die Bedrohung der Natur, des Lebensraumes, die erneute Zerstörung der Welt mit immer perfekteren, undurchschaubaren Mitteln umso bewusster gewesen sein. Die Weltherrschaft des Geldes, wie sie durch Tyranja Vamperl verkörpert wird, drang mit dem Verlust seines Vermögens ebenfalls in sein Leben ein und drohte, auch von der Innenwelt, in der seine Kunst und Kreativität zu Hause waren, Besitz zu ergreifen. 
Michael Ende gelang es jedoch, sich gegen beides zur Wehr zu setzen, und in gewisser Weise ist der Wunschpunsch eine Spiegelung davon: Die von menschlicher Habsucht und Machtgier bedrohte Welt wird gerettet von zwei zerzausten Tieren, die im Augenblick höchster Gefahr Kraft aus der Innenwelt schöpfen und sich auf Werte besinnen, die das Leben im Kern ausmachen – Freundschaft, Humor, Poesie, Hoffnung und Zusammenhalt. 
Michael Ende erzählt das alles gewohnt leichthändig und mit vertrauten Zauberkräften. Das aber sollte uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier die leichte Hand eines Mannes den Zauberstab schwingt, der die Hölle einer Weltzerstörung bereits hinter sich hatte. Und der die alptraumhafte Furcht davor sein Leben lang in sich trug.
Ohne Zweifel trägt dies zur ungebrochenen Aktualität des Wunschpunsches bis heute bei.