Die Unendliche Geschichte

Antiquariat von Karl Konrad Koriander

Ungebrochene Faszination seit Jahrzehnten

Als die Unendliche Geschichte im September 1979 erstmalig erschien, wurden in der Anfangsauflage lediglich 20.000 Exemplare gedruckt. Der Verlag versprach sich einen eher mäßigen Erfolg, doch binnen kürzester Zeit explodierten die Verkäufe. Von Mund zu Mund verbreitete sich die Kunde von dem neuen Kultbuch, das man „einfach lesen musste“, und bereits nach drei Jahre war die Millionengrenze erreicht. Der Strudel riss nicht ab – und heute gilt Michael Endes Roman als Klassiker. Er wurde in mehr als fünfundvierzig Sprachen übersetzt. Ein Ende ist nicht abzusehen. Im Gegenteil: Noch immer reiht sich Neuauflage an Neuauflage, und zum vierzigsten Jubiläum 2019 erschienen prächtige Neuausgaben. Was aber macht den ungebrochenen Zauber dieses sich in kein Genre, keine Schublade fügenden Buches aus?

Der Versuch, auf diese Frage nur eine einzige Antwort zu geben, würde weder Michael Ende noch seinem Werk gerecht. Eine Teilantwort für uns moderne Leser liegt aber womöglich tatsächlich in jener ‚Unendlichkeit‘ verborgen, in einer Grenzenlosigkeit, die nicht jeden verschlungenen Pfad, jeden überwucherten Weg aufdeckt, bemisst und von sämtlichen Seiten her einsehbar macht. Wir können heute bis ans andere Ende der Welt reisen und entdecken selbst dort keine Geheimnisse mehr, die unsere Bekannten nicht über Webcams oder Navigationssysteme längst betrachtet, erkundet und bis ins Kleinste aufgeklärt haben. Unser Bedürfnis nach Abenteuer bleibt dabei auf der Strecke, und damit berauben wir uns auch eines wertvollen Instruments zur Selbsterforschung. Michael Endes Unendliche Geschichte übt bis heute ihre unwiderstehliche Faszination auf uns aus, weil es kein Navigationssystem für sie gibt, keine festgelegte Deutung, keine detaillierte Forschungsgeschichte, sondern einen Urwald aus Rätseln, Motiven, Gedanken und Visionen, durch den wir uns unseren Weg selbst schlagen müssen.

Wer nach Phantásien reist, braucht noch immer den Mut, ausgetretene Pfade zu verlassen und sich dem Strudel der Geschichte anzuvertrauen. Vielleicht sehnen wir uns in unserer strukturierten, von allen Seiten  gesicherten Welt, unser gigantischen Super-Komfortzone, die uns dennoch tagtäglich das Grausen lehrt, danach ja mehr denn je: Nach einer Grenzenlosigkeit, in der wir nicht wissen, was uns hinter der nächsten Biegung erwartet – und in der wir eben deshalb imstande sind, zu erkunden, was wir uns erhoffen und wofür wir kämpfen.

Illustration: Antiquariat von Karl Konrad Koriander, Zeichnung von Michael Ende mit freundlicher Genehmigung des Nachlasses

Amargant

Die Entstehung des Romans

Der Anfang der Geschichte, die als „die Unendliche“ in die Literaturwelt eingehen sollte, bestand aus einem schmalen Papierschnipsel und einem Glas süffigem italienischen Weißwein. Letzteres hatte Michael Ende mit seinem Verleger Hansjörg Weitbrecht geleert, als dieser ihn in seiner paradiesisch gelegenen Casa Liocorno in Genzano bei Rom besuchte, um seinen widerwilligen Autor mit sanftem Druck zur Arbeit an einem neuen Buch zu bewegen. Nach Momo war es still um Michael Ende geworden. Er gehörte nicht zu den Schriftstellern, die sich Geschichten abzwingen, sondern zu denen, die die Geduld aufbringen, auf sie zu warten. Sprang ihn ein Gedanke an, der womöglich irgendwann als Funke oder Mosaikstein zu einem neuen Buch taugte, so notierte er ihn auf dem nächstbesten Zettel und stopfte diesen anschließend in einen Schuhkarton.

Ein solcher Zettel mit einer Notiz bildete auch den Anfang der Unendlichen Geschichte.

Hansjörg Weitbrecht fischte den bewussten Zettel nach dem Zufallsprinzip aus dem Karton. „Ein Junge gerät beim Lesen einer Geschichte buchstäblich in die Geschichte hinein und findet nur schwer wieder heraus“, stand darauf.

„Das gefällt mir“, bekundete der Verleger. „Warum probieren wir es nicht damit?“

Michael Ende hingegen war nicht überzeugt. Er bezweifelte, dass in der Idee mehr als eine kleine Erzählung von hundert Seiten steckte.

Seinen Verleger konnte er damit jedoch nicht schrecken. Im Gegenteil. Hansjörg Weitbrecht gefiel die Aussicht nicht schlecht, den Lesern einmal ein kürzeres Werk von Michael Ende anbieten zu können, und außerdem war er froh, diesmal nicht wie gewöhnlich eine kleine Ewigkeit auf das Manuskript warten zu müssen.

Es war Sommer, und Michael Ende setzte sich an seinen Schreibtisch hinter dem Olivenbaum und begann zu schreiben. Bis Weihnachten wollte er fertig sein, doch wenn sein Verleger hoffte, recht bald den versprochenen Text von ihm zu erhalten, so hatte er sich getäuscht. Erst im Herbst bekannte der Autor auf wiederholtes Nachfragen, dass der Stoff sich unter seinen Händen anders als gedacht entwickelte, ja dass er regelrecht explodierte. Der Roman werde länger werden als geplant und der Erscheinungstermin müsse verschoben werden. Der Verlag setzte ein neues Datum fest, doch auch dieses konnte Michael Ende nicht halten: Seine Unendliche Geschichte umfasste bereits mehrere hundert Seiten, aber Bastian, der zum Buchhelden mutierte Bücherwurm, weigerte sich noch immer hartnäckig, die Wunderwelt Phantásiens zu verlassen. Der Winter war eisig, in Michael Endes Haus in den Hügeln fiel die Heizung aus, und in Decken gehüllt rang der verzweifelte Autor um seinen Roman. Eine einfache Lösung, einen Deus ex machina wie in der griechischen Tragödie, vermochte er ihm nicht überzustülpen, alles in ihm wehrte sich dagegen, seine Erzählung zu zwingen, zu einem hübschen Schlusssprung anzusetzen und wie eine Katze auf ihren vier Füßen zu landen. Stattdessen wartete er, bis die Geschichte selbst ihm ihr Rätsel auflöste, bis sich der Weg aus ihr heraus in ihr selbst fand. Als es schließlich so weit war, hielt er ein Buch in Händen, das ihm zu Recht als Zauberbuch erschien. Unter den Augen von Millionen von Lesern begann es seine Magie zu entfalten, die bis heute ungebrochen ist. Seit nunmehr vierzig Jahren weckt es in uns verschüttete Kräfte und Sehnsüchte, verwandelt sich immer wieder neu und enthüllt uns Türen und Wege, solange wir uns ihm nicht verschließen, sondern für seine Unerschöpflichkeit offenbleiben.

Illustration: Amargant, Zeichnung von Michael Ende mit freundlicher Genehmigung des Nachlasses

Die Figuren

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Bastian Balthasar Bux

Einen Freund wie Bastian hat Michael Ende als kleiner Junge selbst gehabt. Mit seiner Hauptfigur hat er diesem Freund seiner Kindertage, der früh starb ein Denkmal gesetzt. Bastian ist schüchtern, dicklich wird von seinen Altersgenossen gehänselt und träumt davon, so viel Mut zu besitzen wie die Helden in Büchern. Denn das Reich der Bücher ist Bastians Zuflucht, keine erdachte Nebenwelt, sondern eine zweite Wirklichkeit. Hier gelingt es ihm, den Tod seiner Mutter zu verkraften, hier prallt der Spott der Mitschüler an ihm ab, und hier erwartet ihn eines Tages das größte Abenteuer – Phantásien.

Atréju

Atréju ist der Freund, den nicht nur Bastian, sondern wohl jeder Junge gerne hätte. Er ist mutig, treu und tapfer, noch ein Kind und doch schon bereit, das, was sein Schicksal ihm auferlegt, anzunehmen: Allein zieht er auf seinem Pferd Artrax aus, um Phantasien vor der Vernichtung zu bewahren. Atréju entstammt dem Volk der Grünhäute vom Gräsernen Meer, die ihn nach dem Tod seiner Eltern gemeinsam aufgezogen haben. Er ist niemandes Kind – und doch der „Sohn von allen“.

Die kindliche Kaiserin

Sie ist die Goldäugige Gebieterin der Wünsche, ihre Schönheit übersteigt die Kraft jeder Vorstellung übersteigt, und statt eines Palastes bewohnt sie einen Elfenbeinturm im Herzen Phantásiens. Durch sie existieren sämtliche Geschöpfe ihres Reiches, sie selbst aber existiert nur so lange, wie die Menschen sich ihres Namens erinnern. Jetzt, wo ihr Name in Vergessenheit gerät, verfällt sie einer rätselhaften Krankheit, und ganz Phantásien verfällt mit ihr. Wenn das Geheimnis um ihr Leiden nicht rasch aufgeklärt wird und sich Abhilfe findet, droht das Nichts, die gesamte Fülle des Reiches zu verschlingen. 

Fuchur

Fuchur ist ein weißer Glücksdrache, ein Wesen des Himmels, des Lichts und der Wärme, das sämtliche Sprachen der Freude versteht. Er gehört zu den seltensten Geschöpfen Phantásiens. Leicht wie eine Wolke schwimmt er durch die Lüfte, und wer seine Stimme wie eine Bronzeglocke einmal singen hört, vergisst den Klang niemals. Einen Glücksdrachen zum Freund zu haben, bedeutet, mit der Angst nicht länger allein zu sein und selbst in schier aussichtsloser Lage die Hoffnung nicht völlig zu verlieren.

Das Nichts

Wie eine Flutwelle, eine Lawine, die jedoch kein Geräusch verursacht, wälzt es sich durch Phantásien und schlingt alles auf, was ihm auf seinem Weg begegnet – alles Leben, alle Farbe, jeden Duft, jeden Laut und jedes Gefühl. Was dem Nichts anheimfällt, verschwindet, als hätte es nie existiert. Wenn der ersehnte Retter nicht rasch eintrifft, wird von Phantásien keine Spur und nicht die kleinste Erinnerung bleiben.

Steinbeißer

Pjörnrachzarck ist ein Felsenbeißer, auch Steinbeißer genannt. Er ist eine ungemein wichtige Gestalt in der Unendlichen Geschichte, denn er ist einer der vier Boten, die als erste auftreten. Wie das Irrlicht Blubb, der Nachtalb Wúschwusul und der Winzling Ückück soll er der Kindlichen Kaiserin die Nachricht überbringen, daß das Nichts sich ausbreitet und dringend ein Retter für Phantásien gesucht wird. 
Pjörnrachzarck besitzt ein Felsenfahrrad, auf dem er in Windeseile zum Elfenbeinturm strampeln soll. Doch da der Weg sehr weit ist, kommt er mit einiger Verspätung als letzter der Vier und zu Fuß dort an. Unterwegs hat er nämlich sein Transportmittel in einem Anfall von Heißhunger einfach aufgegessen. Während die  Boten warten, zur Kindlichen Kaiserin vorgelassen zu werden, freunden sie sich an und bleiben auch später zusammen.
Pjörnrachzarck und seine Freunde sind es, die Bastians Aufmerksamkeit fesseln und damit seine Phantásienreise erst möglich machen. Nur weil sie so phantastische Gestalten sind und so verrückte Abenteuer zu bestehen haben, liest Bastian überhaupt weiter. So haben die vier Boten eine ungemein wichtige Funktion bei der Rettung Phantásiens. 

Die uralte Morla

Tief in den Sümpfen der Traurigkeit liegt im Nebel verhüllt der Hornberg. In Wirklichkeit ist er Teil des ältesten Geschöpfes Phantásiens: der uralten Morla, einer gigantischen Schildkröte, die seit jeher in den Sümpfen liegt und deren Weisheit vielleicht nur von derjenigen der Kindlichen Kaiserin noch übertroffen wird. Morla ist eine einsame Denkerin, deren Gedanken über Jahrtausende gereift sind, und ihrem Wissen sind keine Grenzen gesetzt. Leider macht jahrelanges Denken in Einsamkeit auch etwas wunderlich. Morla spricht deshalb im Plural von sich selbst, hat sozusagen eine schizophrene Einsamkeitslösung für sich gefunden: Sie selbst wurde über die Jahre hinweg zu ihrem einzigen Gesprächspartner. Sie ist es auch, die Atréju entscheidend bei seiner Großen Suche hilft.
Bedingt durch Morlas ungeheuere Größe gehört sie zu den Wesen Phantásiens, die immer an der gleichen Stelle bleiben, und selbst wenn sie sich langsam bewegen würde, würde der gigantische Hornberg viele Millionen Jahre brauchen, um wenigstens einen kleinen Teil des grenzenlosen Reiches zu erkunden. Wo kommen also Morlas Weisheit und ihre Kenntnisse über Phantásien dann her? Hierzu gibt es zwei Theorien, die jedoch beide keinesfalls bewiesen sind. Die erste besagt, dass Morla ihre Weisheit von tausend Geschichten erlangt hat, die Phantásienreisende ihr in der Vergangenheit erzählt haben und diese in ihrem Hornberg speichert – wie Stroh in einer Scheune -  und sie immer, wenn sie ihren großen Kopf in ihren Panzer zurückzieht, von neuem durchlebt. 
Eine andere Theorie besagt, Morla könne sich in der Dunkelheit ihres Panzers „gedanklich fortbewegen“. Ihr massiger Körper bleibt an der gleichen Stelle, aber ihr Bewusstsein geht auf Reise quer durch Phantasien – leicht wie ein Vogel. Zur Unterstützung dieser zweiten Theorie kann man die Tatsache aufweisen, dass Morla sich nur sehr ungern von jemandem aus ihrem Hornberg herausrufen lässt. Die meisten Artenforscher Phantásiens gehen davon aus, dass Morla weder an Fortpflanzung noch an herkömmlicher Nahrungsaufnahme im Entferntesten interessiert ist. Mit solchen Banalitäten gibt sich ein so altes weises Wesen überhaupt nicht ab. Wahrscheinlich ernährt sie sich entweder von den guten Geschichten, die sie in ihrem Leben gehört hat, oder von den „gedanklichen Reisen“.

Auryn

Auryn ist das Zeichen der Kindlichen Kaiserin. Es verleiht seinem Träger eine Macht, die jedes Lebewesen in Phantásien respektiert. Von denen, die seinen Namen nicht auszusprechen wagen, wird es auch „der Glanz“ oder „das Pentakel“ genannt. Ein Pentakel ist in der Magie ein von einem Kreis umschlossenes Pentagramm und gilt als Bannzeichen gegen das Böse. Wie ein Pentakel leitet und schützt auch Auryn den, der es trägt. Doch zugleich muss der Träger auch alles annehmen, was ihm begegnet. Seine eigene Meinung zählt nicht mehr, wie der Kindlichen Kaiserin selbst muss ihm Gut und Böse gleichviel gelten.  
Auryn ist auch auf dem kupferroten Seideneinband der Unendlichen Geschichte zu sehen. Für Michael Ende war es wichtig, dass Auryn eine Ellipse ist, weil „eine Ellipse zwei Zentren hat.“ (Brief an eine Leserin 1. 6. 84) Das Amulett stellt zwei in sich verschlungene Schlangen dar: Symbol zweier Welten, die ohne einander nicht einzeln existieren können – die Menschenwelt und Phantásien. Die Schlangen verweisen aber auch auf die Unendlichkeit, die Grenzenlosigkeit der Phantasie und des Reiches Phantasien hin. Das Motiv der sich selbst gebärenden Schlange bedeutet in vielen Religionen Unendlichkeit und ewige Wiederkehr, aber auch Weisheit. 
Auch die Gravur auf der Rückseite Auryns verweist darauf, dass Phantásien unendlich ist, wie die Phantasie: „Tu was du willst.“

Engywuck

Der berühmteste aller Phantásienforscher ist der Gnom Professor Engywuck, einer der Zweisiedler. Auf dem Kopf trägt der Professor einen Hut aus Wurzelholz, der wie ein umgedrehter Pfeifenkopf aussieht. Er hat ein dunkelbraunes verschrumpeltes Gesichtchen und eine große Brille. (S. 92) Professor Engywucks wissenschaftlicher Durchbruch gelang ihm mit seinem Werk „Das Uyulála-Rätsel, gelöst durch Professor Engywuck“, mit dem er in weiten Kreisen bekannt wurde. Die Uyulála war zwar längst verschwunden, als das Buch erschien. Aber bis man das in Phantásien gemerkt hatte, war der Professor längst berühmt. Sein Observatorium steht heute in einem Museum über die Geschichte der Phantásienforschung, das am Rande des Labyrinths gebaut wurde, in dessen Mitte der Elfenbeinturm liegt. 
Das aktuelle Werk der Phantásienforscher um Professor Engywuck ist eine große Enzyklopädie Phantasiens.

Graógraman

Graograman – auch der Bunte Tod genannt - ist ein enormer Löwe. Er ist der Herrscher von Goab, der Wüste der Farben, einer Gegend in der die Sonne alles Lebende verglüht. Jeden Abend, wenn Graograman zu Stein erstarrt, wächst aus der Wüste der Farben Perelin, der Nachtwald, und jeden Morgen bei seiner Wiedergeburt weicht Perelin wieder der Wüste der Farben. Graograman trägt die Wüste in sich, deshalb ist auch er sehr einsam. 
Graograman und Gmork stehen in direkter Konfrontation zueinander. Beide sind in einem gewissen Sinn Weltenwanderer. Graograman trägt die Wüste der Farben mit sich, damit jeden Abend mit seinem Tod eine neue Welt entstehen kann. Gmork hingegen wandelt zwischen Menschenwelt und Phantasien. Beide haben ein ähnliches Schicksal: Die Einsamkeit. Doch wo Gmork seine Unzugehörigkeit und vor allem seine Unsinnigkeit in keiner der beiden Welten in Zerstörung ausübt, ist Graograman eine der optimistischsten Figuren in Phantàsien. Sieht er doch in seinem allabendlichen Sterben den Sinn für die Geburt einer neuen Welt. 
Graógraman spielt auf ein literarisches Vorbild an: den Löwen Aslan im „Narnia“-Zyklus von Lewis, ein Sinnbild für Jesus.
Wie der Drache ist auch der Löwe in vielen Kulturen ambivalent. Er gilt als gefährliches Raubtier, aber auch als „König der Tiere“, ist stark, mutig und mächtig, und deshalb ein beliebtes Wappentier. Graógraman wird mit dem Element des Feuers in Verbindung gebracht, wie in der altägyptischen Mythologie und, für Michael Ende wahrscheinlich noch wichtiger, in der Astrologie: Denn der Löwe ist das Sternzeichen, das die Zeit von Ende Juli bis Ende August regiert, also den Hochsommer. Nach der Jung’schen Schule (und auch nach astrologischer Ansicht) steht der Löwe für die Eigenschaften des Herzens: Leidenschaft, aber auch Mut und Fröhlichkeit.  

Sebastian Meschenmoser - Der Elfeinbeinturm

Neuausgabe mit Illustrationen von Sebastian Meschenmoser

Die Erstausgabe der Unendlichen Geschichte erschien im Herbst 1979 in zweifarbigem Druck, in Seide gebunden und geschmückt mit 26 Vignetten von Roswitha Quadflieg, die jeweils die Anfangsbuchstaben der Kapitel zieren. Zum vierzigsten Jubiläum des Romans, der mit dem neunzigsten Geburtstag des Autors zusammenfiel, wurde es Zeit, dem immer neuen Inhalt ein neues Gewand zu verleihen. Im August 2019 erschien daher eine prächtige Schmuckausgabe mit Illustrationen von Sebastian Meschenmoser. Der namhafte Künstler, der bereits mit mehreren Buchillustrationen hervorgetreten ist, hat dafür mehr als hundert Zeichnungen und fünfzig großformatige Ölbilder angefertigt. Während der Arbeit war er kaum in der Lage, einen anderen Gedanken, ein anderes Bild in sich zulassen, sondern musste tief nach Phantásien hineinreisen, um Michael Endes Welt in ihren Details zu erspüren. „Ich bin immer noch nicht sicher, dass ich komplett zurückgekommen bin“, gesteht der Künstler, womit es ihm nicht anders als den meisten Lesern ergeht.

Für die Neuausgabe bemühte sich Meschenmoser darum, die Vielschichtigkeit Phantásiens herauszuarbeiten, dem immensen Ausmaß von Michael Endes Ideenreichtum in seinen Illustrationen ein Echo zu schaffen. „Internationalität war Michael Ende wichtig“, erklärt er. „Motive aus dem Geschichtenschatz und der Kultur der gesamten Welt werden in Phantásien vereint. Ich finde es wichtig, dass sich möglichst viele Kulturen und Ethnien in den Illustrationen wiederfinden. Diese Motive sind wesentlich.“

Illustration: Sebastian Meschenmoser: "Der Elfenbeinturm", mit freundlicher Genehmigung von Sebastian Meschenmoser

Phantásien

Verfilmung

 

Aus dem Phantásien-Lexikon

Spiegel im Spiegel

Bastian Balthasar Bux liest ein Buch mit dem Titel „Die Unendliche Geschichte“. Das Buch, in dem der Leser von Bastian liest, heißt auch „Die Unendliche Geschichte“. Wenn das Buch beschrieben wird, das Bastian in Händen hält, stutzt der Leser: Ein kupferroter Einband. Die Schrift ist in zwei verschiedenen Farben gedruckt. Es gibt wunderschöne große Initialen. Auf dem Einband sind eine helle und eine dunkle Schlange zu sehen, die sich gegenseitig in den Schwanz beißen und so ein Oval bilden. Und darin steht der Titel. Spätestens hier merkt der Leser, dass er dasselbe Buch in Händen hält wie Bastian. Dasselbe? 
„Was zeigt ein Spiegel, der sich in einem Spiegel spiegelt?“ Ein unendliches Spiel von Abbildern, die sich gegenseitig abbilden: eine unendliche Geschichte. 
Aber ein Buch ist kein Spiegel: es hat eine letzte Seite, danach ist es zu Ende, zumindest äußerlich. Die Unendliche Geschichte versucht dieses Paradoxon zu überwinden: Sie fordert den Leser auf, einen anderen Weg zu suchen, auf dem das Erzählen unendlich ist. Sie verweist auf sich selbst zurück und enthüllt so den größeren Zusammenhang. 
Auch Jorge Luis Borges spielt in seinen Büchern mit diesem Paradoxon. Er war es auch, der diesen Aspekt an 1001 Nacht hervorgehoben hat: In dieser Märchensammlung gibt es bekanntlich eine Rahmenhandlung: Ein König, enttäuscht von der Untreue der Frauen, heiratet jeden Tag eine neue Braut, die er am Morgen danach köpfen lässt. Eine dieser Frauen, Scheherazade, kann ihn jedoch mit einem Trick davon abhalten, auch sie zu töten: Sie erzählt ihm Geschichten, die sie jeden Morgen an der spannendsten Stelle unterbricht. Neugierig lässt der König sie leben, so dass sie am nächsten Abend weitererzählen kann. In einer dieser Geschichten nun erzählt Scheherazade ihre eigene: Ein König heiratet jeden Tag eine neue Frau, die er am nächsten Tag hinrichten lässt. Eine dieser Frauen kann seine Aufmerksamkeit mit Geschichten fesseln, und die erste geht folgendermaßen ... 
Der Physiker und Mathematiker Douglas R. Hofstadter nennt dieses Phänomen „Rekursivität“: Puppen in der Puppe (wie bei den russischen Matrioschken), Film im Film, Buch im Buch, Bild im Bild ... 
Dadurch wird die lineare Erzählstruktur aufgelöst und das Buch in einen größeren Zusammenhang gestellt. So beschwört die Unendliche Geschichte das Magische herauf: Die Ebenen des Lesers und des Buches verschränken sich ineinander: Bastians Schreckensschrei hallt durch die Schlucht, in der Ygramul und Atréju einander gegenüberstehen. Und Atréju und Ygramul können ihn hören. Das Zusammenspiel der beiden Ebenen wird immer enger: Kann Atréju Bastian zunächst nur hören, sieht er ihn später im Spiegeltor zum Südlichen Orakel. Und am Schluss wird Bastian selbst in die Geschichte hineingezogen, die Grenze zwischen Realität und Phantasie wird aufgehoben. 
Michael Ende hat immer bedauert, dass seine Bücher wegen dieser phantastischen Elemente als Kinderbücher verstanden wurden. Heutzutage wolle man den auch für Erwachsene bedeutsamen Aspekt von Märchen nicht mehr kennen. Michael Ende pflegte zu sagen, dass auch die Odyssee, würde sie heute geschrieben, als Kinderbuch verkauft würde.  Dabei haben auch Klassiker der romantischen Literatur dieses phantastische Element, und es handelt sich dabei nicht nur um L. Carroll’s Alice im Wunderland oder P. Travers’ Mary Poppins-Geschichten. Auch E.T.A. Hoffmann verwendete diesen Kunstgriff (Nussknacker und Mäusekönig) und ebenso C.S. Lewis in den Narnia-Geschichten. Beide kannte und schätzte Michael Ende sehr.  
Anders als im Märchen aber ist der Eintritt Bastians dramaturgisch vorbereitet, er erfolgt nicht schlagartig ohne seinen Willen. Dieser Eintritt ist von dem Moment an vorbereitet, da Bastian die Unendliche Geschichte zum ersten Mal in Händen hält. Der Zwang, das Buch zu lesen ist von Beginn an da: Bastian fühlt sich von dem Buch angezogen. Es scheint ihn zu rufen, und er hat das Gefühl, daß nun, wo er es aufschlägt, etwas Unwiderrufliches beginnt. Das Buch hat mit ihm zu tun. Auch mit dem Leser?
Die Stimme der Uyulála formuliert am deutlichsten das Geheimnis der Unendlichen Geschichte:
„Wir sind nur Figuren in einem Buch
und vollziehen, wozu wir erfunden.“ 
Auch Gmork und später der Alte vom Wandernden Berge stimmen der Uyulála zu. Deren Aussage verweist auf die Spiegel-Eigenschaft der Phantasie: Denn Phantásien ist keine eigenständige Welt, in die man vor der Realität fliehen kann: Sie kann nur in Koexistenz mit der Menschenwelt bestehen. Die Bewohner Phantásiens sind Archetypen: Spiegelbilder der menschlichen Psyche.  

Was zeigt ein Spiegel, der sich in einem Spiegel spiegelt?
Der Alte vom Wandernden Berg

Wenn zwei Leser das gleiche Buch lesen, so lesen sie dennoch nicht das selbe. Jeder von beiden bringt in die Lektüre sich selbst ein, seine Gedanken und Assoziationen, seine Erfahrungen, sein Vorstellungsvermögen, sein Niveau. Man kann also durchaus sagen, das Buch sei ein Spiegel, in welchem sich der Leser spiegelt.
Freilich gilt auch das Gegenteil: Wenn ein Leser zwei verschiedene Bücher liest, so werden sie letzten Endes trotz allem so verschieden nicht sein – aus genau den selben Gründen. Also kann man ebenso gut sagen, der Leser sei ein Spiegel, in welchem sich das jeweilige Buch spiegelt.
Es handelt sich da um einen höchst bedenkenswerten Vorgang, wie mir scheint; denn was für ein Leser und sein Buch gilt, lässt sich ja ganz generell vom Menschen in der Welt sagen.
Die Antwort auf die Frage könnte lauten: Wenn die beiden Spiegel unendlich groß sind, zeigen sie -- nichts; sind sie aber begrenzt, so ergibt sich ein »regressus ad infinitum«, ein unendlicher, wenn auch imaginärer Korridor nach beiden Seiten. Aber diese Antwort erscheint mir voreilig; sie bezeichnet das Ergebnis und lenkt unsere Aufmerksamkeit von dem eigentlichen Prozess, dem erstaunlichen Vorgang ab, der ja seinerseits auch wieder unendlich ist.
Wo findet denn statt, was zwischen dem Leser und seinem Buch (dem Menschen und der Welt) vorgeht? Im Buch allein ja nicht, denn es besteht nur aus schwarzen Zeichen auf weißem Papier. Es bedarf des Lesers. Im Leser allein aber auch nicht, denn ohne das Buch würde der ganze Vorgang nicht zustande kommen. Was geschieht denn da eigentlich, wenn das Lesen dieser schwarzen Zeichen in uns Freude oder Trauer, Sympathie oder Antipathie, Interesse oder Überdruss, Gelächter oder Rührung auslöst?
Um die Aufmerksamkeit des Lesers auf diesen geheimnisvollen Vorgang zu lenken, habe ich versucht Geschichten zu schreiben, die ihn auf sich selbst zurückverweisen, Geschichten, an denen man sich nicht festhalten kann (indem man meint, sie »verstanden« zu haben, was ja nur bedeutet, dass man das gewohnte Bekannte wiedererkennt), die nach allen Seiten hin offen sind, die den Leser in den schwerelosen Zustand des freien Falls versetzen, gleichsam in einen Orbit um eine nicht anders zu beschreibende Mitte, die weder da noch nicht da ist (wie Gott oder das menschliche Ich oder der Sinn des Daseins). Jeder erzählte Vorgang enthält, deutlich oder versteckt, den Anstoß zu einem neuen Vorgang und so immer fort, bis die Umkreisung von neuem beginnt...
Der ideale Leser, der Mut oder Übermut genug besitzt, sich auf eine solche Welt(innen)raumfahrt einzulassen, sollte, wie ein Musikhörer, ganz einfach zur Kenntnis nehmen, was an harmonischen oder dissonanten Empfindungen, an Gedanken und Bildern in ihm angeregt wird und wieder verschwindet, Ahnungen und Erinnerungen, Farben, Formen und Bewegungen, und er sollte bemerken, was er selbst bei alle dem hinzutut. Dann würde er, vielleicht, die Antwort auf die Frage des »Alten« erfahren. 
 

Hörbuch - Die unendliche Geschichte

Hörbuch & Hörspiel

Die Unendliche Geschichte ist unzählige Male für die verschiedensten Medien adaptiert worden. In Theaterstücken, Opern und Singspielen wird der Weg Bastians und seines mutigen Freundes Atréjus nachgestaltet, Marionettentheater greifen den Stoff auf, und Bild- und Tonträger liefern Phantásien frei Haus. Michael Ende, der sich zeitlebens nicht als Schriftsteller, sondern als Geschichtenerzähler verstand und sich selbst liebend gern Geschichten erzählen ließ, hätte sich vermutlich besonders über die eindrucksvollen Ausgaben als Hörspiel und Hörbuch gefreut:

Hörspiel:

Hörbuch Hamburg, mit Anna Thalbach, Hans Kremer, Jürgen Thormann, u.v.a.

Hörbuch:

ungekürzte Lesung von Gert Heidenreich, 2013

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Theater

Theater & Film

Die bekannteste Adaption ist zweifellos die Verfilmung durch die Constantin Film von 1984. Mehr als zehn Millionen Besucher strömten weltweit in die Kinos, der Film gewann zahlreiche bedeutende Preise und wurde etliche Male von verschiedenen Fernsehsendern in aller Welt ausgestrahlt. Der überwältigende Erfolg konnte Michael Ende jedoch nicht darüber hinwegtrösten, dass in seinen Augen der Film seinem Roman nicht einmal im Ansatz gerecht wurde. Obwohl von den Möglichkeiten des Mediums begeistert und anfangs mit Feuereifer bei der Sache, distanzierte er sich schließlich von dem Ergebnis und blieb mit der Bitterkeit einer Enttäuschung zurück, die sich bis an sein Lebensende nicht legte.

Die Verfilmung der Constantin blieb die bekannteste, doch beileibe nicht die einzige Adaption für Leinwand und Fernsehschirm. So wurde die Inszenierung des Düsseldorfer Marionettentheaters verfilmt, es gibt eine Umsetzung als Trickfilm, und noch immer reizt die Unendliche Geschichte Regisseure und Drehbuchautoren rund um den Globus. Somit werden die Fassungen, die uns jetzt zur Verfügung stehen, gewiss nicht die letzten bleiben.

Illustration: Elfenbeinturm, Zeichnung von Michael Ende mit freundlicher Genehmigung des Nachlasses

Michael Ende mit Schildkröte

Michael Endes Welt

Mehr als in jedem Werk zuvor hat sich Michael Ende in der Unendlichen Geschichte jenes Umgangs mit Kunst und Kreativität bedient, die er als Kind von seinem Vater erlebt und erlernt hatte: Um Ideen für seine Schöpfungen aufzuspüren, begab sich Edgar Ende, ein Maler, der dem Surrealismus zwar nahestand, sich jedoch in keine scharf umrissene Kategorie zwängen ließ, in die völlige Finsternis eines abgedunkelten Ateliers, wo er mit sich alleine still saß und auf die Visionen wartete, die sich einstellen mochten. Auf diese Weise weckte er Bilder, Erinnerungen und Ahnungen, die tief in ihm verschüttet ruhten, griff Splitter und Funken auf, ohne sie ihrer Geheimnisse zu berauben, und stellte sie in einen neuen Kontext. 

Nicht anders ging Michael Ende vor, als er an seinem stillen Schreibtisch hinter dem von einer Zaubergestalt bewohnten Olivenbaum die Unendliche Geschichte schrieb.

Zwangsläufig sind viele dieser in der Finsternis wiederentdeckten Motive dunkel, beklemmend, oft alptraumhaft und von dämonischen Zügen geprägt: Michael Ende wuchs in einer Welt auf, die sich selbst in nie gekannter Raserei zerschlug, die ihre Werte in einer gewaltigen Trümmerwüste unterpflügte und schließlich samt ihrer kulturellen und zivilisatorischen Errungenschaften in Flammen aufging. Als das Reich des Grauens, das tausend Jahre während sollte, sein ruhmloses Ende nahm, stand er an der Schwelle zum Erwachsenenleben und fand sich in einer Art Nichts wieder, einem inhaltslosen Vakuum, in dem sich sämtliche überlieferte Wertvorstellungen als betrügerisch erwiesen hatten. Umso dringlicher erschien es Ende, dieses Vakuum mit einer neuen Sinnhaftigkeit aufzufüllen, einem ausgehöhlten Lebensraum wieder Gehalt zu verleihen. Anders als sein Vater ließ er das Dunkel nicht schwarz und ausweglos stehen, sondern gab seinen Figuren – und damit uns als seinen Lesern – Möglichkeiten an die Hand, sich daraus hervor zu kämpfen und zu befreien. Vor allem ermutigte er sie, ohne den Zeigefinger zu erheben oder Predigten zu halten, an solche Möglichkeiten und Auswege zu glauben. Michael Ende ist kein Autor, der Heilsversprechen bietet und bedenkenlos behauptet, alle Geschichten gingen gut aus. Aber er zeigt uns auf, dass es sich lohnt, um einen guten Ausgang zu kämpfen, an Werten wie Freundschaft, Treue, Würde, Anstand und Courage festzuhalten und nicht zu verraten, was uns ausmacht.

Das Nichts verschlingt uns nicht, wenn wir nicht aufhören, den Dingen um uns neue Namen zu geben, und diese Aufgabe kam aus Michael Endes Sicht der Kunst zu: die Wiederverzauberung einer Welt, die sich bis auf ihre Grundfesten entleert hatte, die Suche nach Inhalten, die uns in der Dunkelheit Licht geben und uns beim Überleben helfen.

Foto: Copyright © Caio Garrubba