Bastian Balthasar Bux liest ein Buch mit dem Titel „Die Unendliche Geschichte“. Das Buch, in dem der Leser von Bastian liest, heißt auch „Die Unendliche Geschichte“. Wenn das Buch beschrieben wird, das Bastian in Händen hält, stutzt der Leser: Ein kupferroter Einband. Die Schrift ist in zwei verschiedenen Farben gedruckt. Es gibt wunderschöne große Initialen. Auf dem Einband sind eine helle und eine dunkle Schlange zu sehen, die sich gegenseitig in den Schwanz beißen und so ein Oval bilden. Und darin steht der Titel. Spätestens hier merkt der Leser, dass er dasselbe Buch in Händen hält wie Bastian. Dasselbe?
„Was zeigt ein Spiegel, der sich in einem Spiegel spiegelt?“ Ein unendliches Spiel von Abbildern, die sich gegenseitig abbilden: eine unendliche Geschichte.
Aber ein Buch ist kein Spiegel: es hat eine letzte Seite, danach ist es zu Ende, zumindest äußerlich. Die Unendliche Geschichte versucht dieses Paradoxon zu überwinden: Sie fordert den Leser auf, einen anderen Weg zu suchen, auf dem das Erzählen unendlich ist. Sie verweist auf sich selbst zurück und enthüllt so den größeren Zusammenhang.
Auch Jorge Luis Borges spielt in seinen Büchern mit diesem Paradoxon. Er war es auch, der diesen Aspekt an 1001 Nacht hervorgehoben hat: In dieser Märchensammlung gibt es bekanntlich eine Rahmenhandlung: Ein König, enttäuscht von der Untreue der Frauen, heiratet jeden Tag eine neue Braut, die er am Morgen danach köpfen lässt. Eine dieser Frauen, Scheherazade, kann ihn jedoch mit einem Trick davon abhalten, auch sie zu töten: Sie erzählt ihm Geschichten, die sie jeden Morgen an der spannendsten Stelle unterbricht. Neugierig lässt der König sie leben, so dass sie am nächsten Abend weitererzählen kann. In einer dieser Geschichten nun erzählt Scheherazade ihre eigene: Ein König heiratet jeden Tag eine neue Frau, die er am nächsten Tag hinrichten lässt. Eine dieser Frauen kann seine Aufmerksamkeit mit Geschichten fesseln, und die erste geht folgendermaßen ...
Der Physiker und Mathematiker Douglas R. Hofstadter nennt dieses Phänomen „Rekursivität“: Puppen in der Puppe (wie bei den russischen Matrioschken), Film im Film, Buch im Buch, Bild im Bild ...
Dadurch wird die lineare Erzählstruktur aufgelöst und das Buch in einen größeren Zusammenhang gestellt. So beschwört die Unendliche Geschichte das Magische herauf: Die Ebenen des Lesers und des Buches verschränken sich ineinander: Bastians Schreckensschrei hallt durch die Schlucht, in der Ygramul und Atréju einander gegenüberstehen. Und Atréju und Ygramul können ihn hören. Das Zusammenspiel der beiden Ebenen wird immer enger: Kann Atréju Bastian zunächst nur hören, sieht er ihn später im Spiegeltor zum Südlichen Orakel. Und am Schluss wird Bastian selbst in die Geschichte hineingezogen, die Grenze zwischen Realität und Phantasie wird aufgehoben.
Michael Ende hat immer bedauert, dass seine Bücher wegen dieser phantastischen Elemente als Kinderbücher verstanden wurden. Heutzutage wolle man den auch für Erwachsene bedeutsamen Aspekt von Märchen nicht mehr kennen. Michael Ende pflegte zu sagen, dass auch die Odyssee, würde sie heute geschrieben, als Kinderbuch verkauft würde. Dabei haben auch Klassiker der romantischen Literatur dieses phantastische Element, und es handelt sich dabei nicht nur um L. Carroll’s Alice im Wunderland oder P. Travers’ Mary Poppins-Geschichten. Auch E.T.A. Hoffmann verwendete diesen Kunstgriff (Nussknacker und Mäusekönig) und ebenso C.S. Lewis in den Narnia-Geschichten. Beide kannte und schätzte Michael Ende sehr.
Anders als im Märchen aber ist der Eintritt Bastians dramaturgisch vorbereitet, er erfolgt nicht schlagartig ohne seinen Willen. Dieser Eintritt ist von dem Moment an vorbereitet, da Bastian die Unendliche Geschichte zum ersten Mal in Händen hält. Der Zwang, das Buch zu lesen ist von Beginn an da: Bastian fühlt sich von dem Buch angezogen. Es scheint ihn zu rufen, und er hat das Gefühl, daß nun, wo er es aufschlägt, etwas Unwiderrufliches beginnt. Das Buch hat mit ihm zu tun. Auch mit dem Leser?
Die Stimme der Uyulála formuliert am deutlichsten das Geheimnis der Unendlichen Geschichte:
„Wir sind nur Figuren in einem Buch
und vollziehen, wozu wir erfunden.“
Auch Gmork und später der Alte vom Wandernden Berge stimmen der Uyulála zu. Deren Aussage verweist auf die Spiegel-Eigenschaft der Phantasie: Denn Phantásien ist keine eigenständige Welt, in die man vor der Realität fliehen kann: Sie kann nur in Koexistenz mit der Menschenwelt bestehen. Die Bewohner Phantásiens sind Archetypen: Spiegelbilder der menschlichen Psyche.
Was zeigt ein Spiegel, der sich in einem Spiegel spiegelt?
Der Alte vom Wandernden Berg
Wenn zwei Leser das gleiche Buch lesen, so lesen sie dennoch nicht das selbe. Jeder von beiden bringt in die Lektüre sich selbst ein, seine Gedanken und Assoziationen, seine Erfahrungen, sein Vorstellungsvermögen, sein Niveau. Man kann also durchaus sagen, das Buch sei ein Spiegel, in welchem sich der Leser spiegelt.
Freilich gilt auch das Gegenteil: Wenn ein Leser zwei verschiedene Bücher liest, so werden sie letzten Endes trotz allem so verschieden nicht sein – aus genau den selben Gründen. Also kann man ebenso gut sagen, der Leser sei ein Spiegel, in welchem sich das jeweilige Buch spiegelt.
Es handelt sich da um einen höchst bedenkenswerten Vorgang, wie mir scheint; denn was für ein Leser und sein Buch gilt, lässt sich ja ganz generell vom Menschen in der Welt sagen.
Die Antwort auf die Frage könnte lauten: Wenn die beiden Spiegel unendlich groß sind, zeigen sie -- nichts; sind sie aber begrenzt, so ergibt sich ein »regressus ad infinitum«, ein unendlicher, wenn auch imaginärer Korridor nach beiden Seiten. Aber diese Antwort erscheint mir voreilig; sie bezeichnet das Ergebnis und lenkt unsere Aufmerksamkeit von dem eigentlichen Prozess, dem erstaunlichen Vorgang ab, der ja seinerseits auch wieder unendlich ist.
Wo findet denn statt, was zwischen dem Leser und seinem Buch (dem Menschen und der Welt) vorgeht? Im Buch allein ja nicht, denn es besteht nur aus schwarzen Zeichen auf weißem Papier. Es bedarf des Lesers. Im Leser allein aber auch nicht, denn ohne das Buch würde der ganze Vorgang nicht zustande kommen. Was geschieht denn da eigentlich, wenn das Lesen dieser schwarzen Zeichen in uns Freude oder Trauer, Sympathie oder Antipathie, Interesse oder Überdruss, Gelächter oder Rührung auslöst?
Um die Aufmerksamkeit des Lesers auf diesen geheimnisvollen Vorgang zu lenken, habe ich versucht Geschichten zu schreiben, die ihn auf sich selbst zurückverweisen, Geschichten, an denen man sich nicht festhalten kann (indem man meint, sie »verstanden« zu haben, was ja nur bedeutet, dass man das gewohnte Bekannte wiedererkennt), die nach allen Seiten hin offen sind, die den Leser in den schwerelosen Zustand des freien Falls versetzen, gleichsam in einen Orbit um eine nicht anders zu beschreibende Mitte, die weder da noch nicht da ist (wie Gott oder das menschliche Ich oder der Sinn des Daseins). Jeder erzählte Vorgang enthält, deutlich oder versteckt, den Anstoß zu einem neuen Vorgang und so immer fort, bis die Umkreisung von neuem beginnt...
Der ideale Leser, der Mut oder Übermut genug besitzt, sich auf eine solche Welt(innen)raumfahrt einzulassen, sollte, wie ein Musikhörer, ganz einfach zur Kenntnis nehmen, was an harmonischen oder dissonanten Empfindungen, an Gedanken und Bildern in ihm angeregt wird und wieder verschwindet, Ahnungen und Erinnerungen, Farben, Formen und Bewegungen, und er sollte bemerken, was er selbst bei alle dem hinzutut. Dann würde er, vielleicht, die Antwort auf die Frage des »Alten« erfahren.