Das Bergwerk der Bilder, auch die Grube Minroud genannt, bewahrt, was scheinbar verloren ist: die Träume der Menschen. Denn ein Traum kann nicht einfach zu nichts werden. In immer tieferen Schichten der Erde Phantásiens lagern sich die vergessenen Träume ab. Ganz Phantásien steht auf ihnen wie auf Grundfesten. Und Phantásien, das weiß jeder, ist unendlich!
In die Grube Minroud gelangt man über einen hölzernen Förderturm, hinter dem sich eine große, weiße Schneefläche ausbreitet, in die eingebettet die verschiedensten Bilder liegen, die der Bergmann zutage gefördert hat: Hauchdünne Tafeln, aus einer Art Marienglas, durchsichtig und farbig und in allen Größen und Formen, rechteckige und runde, bruchstückartige und unversehrte, manche groß wie Kirchenfenster, andere klein wie Miniaturen auf einer Dose. Sie liegen ungefähr nach Größe und Form geordnet, in Reihen, die sich bis zum Horizont der weißen Ebene erstrecken.
Denn jeden Tag fährt Yor ins Bergwerk hinab, um die vergessenen Träume zutage zu fördern. Ein zu lautes Wort, und sie zerspringen, deshalb spricht Yor sehr leise.
Was die Bilder darstellen, ist äußerst rätselhaft: Michael Ende hat sich hier an den Kunstwerken großer Maler inspiriert: Da gibt es vermummte Gestalten, die in einem großen Vogelnest dahin zu schweben scheinen (Edgar Ende), oder Esel, die Richtertalare tragen, Uhren, die wie weicher Käse zerfließen (Salvador Dalí), oder Gliederpuppen, die auf grell beleuchteten menschenleeren Plätzen stehen (Giorgio de Chirico). Da sind Gesichter und Köpfe, die ganz aus Tieren zusammen gesetzt sind (Arcimboldo), und andere, die eine Landschaft bildeten. Aber es gibt auch ganz gewöhnliche Bilder, Männer, die ein Kornfeld abmähen, und Frauen, die auf einem Balkon sitzen. Es gibt Gebirgsdörfer und Meereslandschaften, Kriegszenen und Zirkusaufführungen, Straßen und Zimmer und immer wieder Gesichter, alte und junge, weise und einfältige, Narren und Könige, finstere und heitere. Da sind grausige Bilder, Hinrichtungen und Totentänze, und lustige Bilder von jungen Damen auf einem Walross, oder von einer Nase, die herumspaziert und von allen Vorübergehenden gegrüßt wird.
Auch Bastians Träume sind im Bergwerk der Bilder verschüttet. Einen davon muss er finden, wenn er in seine Welt zurückkehren will. Eigentlich hätte ihm der Leuchtstein Al’Tsahir in Minroud leuchten sollen, doch Bastian hat ihn im Sternenkloster Gigam bereits leichtfertig verschleudert und muß deshalb im Dunkeln nach seinen vergessenen Träumen schürfen. Und tatsächlich findet er ein Bild seines Vaters. Der Wunsch, ihn wieder zusehen kostet Bastian das Letzte, was ihm aus der Menschenwelt noch geblieben ist: seinen Namen. Auf dem Weg zum Wasser des Lebens wird das Bild von den Schlamuffen zerstört.
Das Bergwerk der Bilder ist ein Symbol des Unterbewussten. Jede Kunst schöpft aus dem Unterbewussten, dessen eindrucksvollste Äußerungen Träume sind: die Schnittstelle zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein. Bastians Reise ins Unterbewusste ist die Voraussetzung für Bastians Rückkehr in die Menschenwelt.
Das Innere eines Berges ist in der Romantik, aber auch in anderen Kulturen schicksalsträchtiger Fundort: Aladin und Ali Baba finden in Höhlen Wunderlampe und Schatz, und Novalis lässt seinen Heinrich von Ofterdingen zu einem alten Einsiedler und Bergmann gelangen.