Einhörner gehören zu seltensten und wunderbarsten Geschöpfen des grenzenlosen Reiches Phantásien. Von den wenigen Augenzeugen werden Einhörner als Wesen strahlend silberweißen Lichts beschrieben. Ihre Gestalt gleicht der einer weißen Stute. Nur das silberne Horn auf der Stirn unterscheidet sie von gewöhnlichen Stuten, wie sie auch in der Menschenwelt vorkommen. Ihnen werden ungeahnte Heilungskräfte nachgesagt, sowohl für den Körper wie vor allem auch für die Seele.
Einhörner sollen in der Menschenwelt schon gesichtet worden sein. Jedoch sind sie in unserer Welt nur für die Augen eines Phantasienreisenden wahrzunehmen. Wer noch niemals in Phantasien war, sieht nur eine gewöhnliche Stute anstelle des Einhorns, und dessen Kräfte haben auf ihn keinerlei Einfluss. Einhörnern ist, einmal in der Menschenwelt angekommen, der Rückweg nach Phantásien versperrt. In schwierigen Zeiten – unter anderem zur Zeit der Ausbreitung des Nichts – gleiten sie über in die Welt der Menschen, um persönlich einen Menschen zu finden, der noch genug Kraft der Wünsche besitzt, um Phantásien zu retten. Ausschließlich an dem Moment, an dem das Einhorn mit seinem Horn die Stirn eines solchen Menschen berührt, steht ihm der Rückweg nach Phantásien erneut offen.
Der Stein Al’Tsahir, den Bastian in der Bibliothek von Amargánth geschenkt bekommt, ist ein Zauberstein vom Horn eines Einhorns. Der mythische Ahnherr der Stadt, Quin, soll einst ein Einhorn getötet, den Stein an sich genommen und damit Unheil über die Stadt gebracht haben.
Einhörner gibt es in den Legenden fast aller Kulturkreise. Bis ins 18. Jahrhundert glaubte man in Europa an die Existenz der Einhörner: scheuer Waldbewohner, die der alten griechischen Legende nach in den Dschungeln Indiens lebten und deren Horn wundersame Kräfte besitzen sollte. Die europäische Legende machte aus den Einhörnern Symbole der Keuschheit – daher auch der Gedanke, dass ein Einhorn sich zu Jungfrauen hingezogen fühlt und nur mit Hilfe eines unberührten Mädchens zu fangen ist. Außerdem hieß es, sein Horn könne Gift erkennen und unschädlich machen.
Michael Ende über das Einhorn:
»Das Einhorn ist, wie alle wirklichen Symbole, schier unendlich-deutig. Deshalb fällt es mir schwer, Dir hier etwas Konkretes zu sagen, denn ich habe sofort das Gefühl, das Bild damit allzu sehr festzulegen. Sicherlich ist Dir ja die mittelalterliche Anweisung bekannt, wie man ein Einhorn fangen kann: man muss dazu eine nackte Jungfrau an einen Baum binden und zwar so, dass sie vollkommen reglos ist. Dann muss man mit viel Geduld warten, aber schließlich wird das Einhorn herbeikommen und seinen Kopf in den Schoß der Jungfrau legen. In diesem Augenblick ist es sanft und zahm und lässt sich fassen. Dieser letzte Punkt ist wichtig, weil es in jeder anderen Situation trotz seiner großen Grazie und Schönheit so wild und stark ist, dass niemand es bändigen kann. Und schon diese Anweisung verrät einiges über die Bedeutung des Einhorns. Natürlich liegt es nur allzu nahe für uns heutige Aufgeklärte, die ganze Sache erotisch zu deuten. Aber damit bleibt man nur im persönlich Psychologischen hängen. Die Jungfrau bedeutet in der ganzen älteren Mythologie ein Weltprinzip (Jesus z.B. ist aus der Jungfrau geboren), welches aber auch gleichzeitig in einem der Tierkreis-Zeichen repräsentiert wird. Die Jungfrau wird bei Paracelsus gleichgesetzt mit dem »Naturlicht«, d.h. einer Art übersinnlicher Substanz, die die gesamte Natur durchdringt und erleuchtet, aber nur für das hellsichtige Auge wahrnehmbar ist. Das Zeichen Jungfrau wird ja bekanntlich vom Planeten Merkur beherrscht, also dem Planeten des Verstandes. Mithin haben wir es bei der Jungfrau (oder dem Naturlicht) mit einem Prinzip des sozusagen übersinnlichen Verstehens zu tun. Wenn es gelingt, dieses Prinzip in der eigenen Seele vollkommen reglos zu halten, dann nähert sich das Einhorn. Es ist zu zähmen. Übrigens ist das Einhorn ja entfernt mit der Ziege verwandt. Es hat gespaltene Hufe und einen Bart unterm Kinn. Die Ziege ist aber in den Märchen immer ein Symbol der Verstandeskräfte (z.B. der Wolf und die 7 Geisslein). Diese Verstandeskräfte befinden sich dort, wo dem Einhorn das Horn aus der Stirn wächst, also an jenem Punkt über der Nasenwurzel, den der Brahmane sogar mit einem roten Signal bezeichnet. Ich weiß nicht, ob Du Dich je mit den sogenannten »Lotosblumen« beschäftigt hast. Es handelt sich dabei um die sieben hauptsächlichen übersinnlichen Wahrnehmungsorgane. Eines davon, der zweiblättrige Lotos, ist eben jenes Organ über der Nasenwurzel. Seine vollkommene Entwicklung bedeutet eine Steigerung der Intelligenzkräfte bis zur bildhaften Wahrnehmung geistiger Realitäten. Genau das soll das Bild des Einhorns ausdrücken. Übrigens war in der mittelalterlichen Mystik das Einhorn eben aus diesem Grunde auch ein Bild der Christuskraft.«