Michael Ende hat sich immer stark vom Kunstverständnis seiner Zeit abgesetzt. In einem Brief an einen Leser beschreibt er sein Kunstverständnis als ein „therapeutisches“: Durch Krisis und Katharsis wird der Leser zu einem seelischen Erlebnis-Inhalt geführt. Streng verwehrte er sich gegen die belehrende und politische Kunst. Jede gelungene künstlerische Leistung, so Ende, führt zu einer „Therapie“ – nicht nur für Kranke, sondern auch für Gesunde. Dieses Erleben sei so lebensnotwendig wie Essen und Trinken.
Der Verlust von Traum und Phantasie wird, wie in der Kritik der Romantik an der Aufklärung, als ein Krankheitssymptom betrachtet. Die Phantasiewelt der Unendlichen Geschichte ist nicht von der Menschenwelt zu trennen – indem Bastian die eine rettet, rettet er auch die andere. In dieser Verbindung beider Welten knüpft Ende an die Romantik an: E.T.A. Hoffmann, A.W. Schlegel kritisierten den einseitigen Vernunftglauben der Aufklärer. Wie Bastian reisen auch die Helden der Romantik bisweilen in die eigene Innenwelt, zum Beispiel bei Novalis. Hoffmanns Kunstkonzept umfasst wie das Michael Endes, dass der Zuschauer der Alltagswelt enthoben und in eine Phantasiewelt entführt wird. Nur so kann der Mensch soweit kommen, dass er „das Göttliche schaut, ja, mit ihm in Berührung kommt.“ Auch Ende setzt sich in der Unendlichen Geschichte deutlich von Büchern ab, „in denen man zu was gekriegt werden sollte“. Statt dessen mag Bastian Bücher, bei denen man sich etwas vorstellen kann, die die Phantasie anregen. Nur so entsteht eine poetische Erfahrung. Ende hat dies auch in Briefen an seine Leser immer wieder betont. Gerade Kindern gegenüber stellte er immer wieder klar, dass er sie nicht zu „was kriegen“ wolle. Er erkläre ihnen nicht alles, was er sich bei dem Buch gedacht habe, damit sie ihre eigene Phantasie gebrauchten. Dazu soll auch der immer wiederkehrende Satz „Dies ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden“ anregen. Ende drückte es so aus: „Mir geht es nicht darum, den Leser zu belehren. Ich möchte dass der Leser etwas erlebt beim Lesen. Ich habe versucht, innerhalb der Geschichte meine Literatur- und Kunstauffassung darzustellen, zum Beispiel im Gespräch mit Gmork und Atréju oder im Gespräch zwischen Atréju und der Kindlichen Kaiserin.“
Obwohl Michael Ende das Gefühl hatte, gegen den Zeitgeist anzuschreiben, traf seine Bücher diesen, wie es A. Muschg formulierte, so perfekt, „dass sie als wundersame Verkörperung dieses Zeitgeistes erscheinen.“ Die Unendliche Geschichte war ein durchschlagender Erfolg bei Lesern von 8 bis 80 Jahren. Weil sie sich nur schwer einem Genre zuordnen lässt, spricht sie die verschiedensten Leser an.
Sie weist den gattungsüberschreitenden Charakter der phantastischen Literatur auf: Abenteuergeschichte und realistische Rahmenhandlung, Innen und Außen gehen eine Symbiose ein. Übernatürliche Wesen (Kindliche Kaiserin, das Nichts, Gmork), ein Alter Ego des Protagonisten (Atréju für Bastian), die Durchbrechung der Grenze zwischen Subjekt und Objekt (Bastians Verwandlung aus einem kleinen dicken Jungen in einen hübschen Prinzen), die Transformation von Zeit und Raum (Verlust des realen Zeitgefühls in Phantásien, sonderbare Bauwerke etc.) sind Themen der phantastischen Literatur.
Ende spielt darüber hinaus mit Motiven aus der Weltliteratur: Die Unendliche Geschichte hat Bezüge auf Märchen, Abenteuer- und Entwicklungsroman, v.a. auf die romantische Literatur, aber auch die Mythologie verschiedener Religionen einschließlich der Bibel, bis hin zur Kunst, zu Bildern von Michael Endes Vater Edgar. (Bergwerk der Bilder) Denn die Phantasie ist eine Leistung aller Menschen, nicht nur eines Einzelnen. Deshalb tauchen auch die phantastischen Ausgeburten der verschiedensten Phantásienreisenden darin auf.
Die Unendliche Geschichte ist aber auch die Entwicklungsgeschichte von Bastian. Er flieht vor seinen Problemen, aber seine Flucht verwandelt ihn und läßt ihn die Welt mit neuem Mut in Angriff nehmen. Insofern ist das Buch auch ein Bildungsroman. Wie im klassischen Bildungsroman, z.B. Goethes Wilhelm Meister, ist auch für Bastian gerade das Irren wichtig. (Mysterium der Fehler) So schreibt Ende selbst: „Bastian macht ja reichlich Fehler, eigentlich macht er fast nur Fehler, aber gerade deshalb hat er am Schluss alles richtig gemacht. Das Motiv ist nicht neu und auch nicht von mir, sondern das gibt es schon unter anderem im Goldenen Topf.“ Die Bezüge auf E.T.A. Hoffmann sind auch an anderer Stelle deutlich: In Hoffmanns Klein-Zaches genannt Zinnober findet der Held Balthasar (wie auch Bastians zweiter Name lautet) ebenfalls durch einen phantastischen Traum Erfüllung in der Wirklichkeit. Auch Balthasar wird von Prosper Albanus mit „mein Balthasar“ angesprochen, wie Bastian von der Kindlichen Kaiserin mit „mein Bastian“. Auch seine Lebensgeschichte als vernachlässigter Träumer findet sich bei Hoffmanns Helden.
Michael Endes phantastische Literatur bezieht sich immer wieder auf die der Romantik, v.a. auf E.T.A. Hoffmann. Wie Hoffmann betrachtet er Kinder als voll erfahrungsfähige Menschen. Bücher für Kinder müssen und dürfen deshalb nicht anspruchslos sein.
Michael Ende legte Wert darauf, dass die Unendliche Geschichte kein Fantasygeschichte sei. Er unterschied klar zwischen Fantasy und phantastischer Literatur. Gerhard Haas beschreibt die Fantasy als eine „trivial modische Ausprägung der Phantastik“, wobei er sich v.a. auf die heroischen Themen der sword and sorcery-Fantasy bezieht, in der es vor allem um Kämpfe und Zauberei geht. Meist steht ein Kampf zwischen Gut und Böse im Mittelpunkt, und ein Bezug zur realen Außenwelt erscheint kaum oder gar nicht.
Für Michael Ende sollte phantastische Literatur einen neuen Blick auf die Realität eröffnen. Ihm schwebte eine mehrdimensionale Denkform vor, die nicht dem kausallogischen Denken allein folgen sollte. Die Innenwelt sollte aber keine Alternative zur Realität darstellen, sondern deren Ergänzung. Damit unterscheidet er sich von den Fantasy-Romanen Tolkiens, der seine Bücher immer eskapistisch verstand: als Fluchtmöglichkeit für den Menschen, der in der bösen und hässlichen Wirklichkeit gefangen sei. Im Gegensatz dazu versteht Ende sein Phantásien als Ergänzung zur Realität, auf die man sich einlassen, die man aber auch wieder verlassen muss.
In der Fantasy geht es meist auch um einen Kampf zwischen Gut und Böse. In der Unendlichen Geschichte hat aber auch das Böse seine notwendige Funktion, Gut und Böse greifen hier vielmehr organisch ineinander. ( Bezüge auf die fernöstliche Philosophie) Das wird besonders bei den „bösen“ Bewohnern Phantásiens deutlich, zum Beispiel Xayíde. Und die Aussage, vor der Kindlichen Kaiserin gälten Gut und Böse gleich, zieht sich durch das ganze Buch. Kein Wunder – denn eine gute Geschichte braucht Bösewichter.
Haas definierte Phantastik als „Zusammenstoß zweier unterschiedlicher Wirklichkeiten bzw. Realitätserfahrungen“. Das Phantastische ist mit der Erfahrung einer Krise in der „realen“ Welt verknüpft: Bei Bastian ist das der Tod der Mutter, die daraus resultierende Fremdheit zwischen Vater und Sohn, seine wenig angesehene Position in der Schule. Häufig ist die Begegnung mit dem Phantastischen in der Literatur mit Zweifeln verbunden: und auch Bastian zweifelt, bis es fast zu spät ist, ob er sich in die Unendliche Geschichte hineinziehen lassen soll.
Im Phantastischen offenbart sich das Übernatürliche wie ein Riß in dem universellen Zusammenhang. Das Wunder wurde dort zu einer verbotenen Aggression, die bedrohlich wirkt und die Sicherheit einer Welt zerbricht, in der man bis dahin die Gesetze für allgültig und unverrückbar gehalten hat.
Roger Caillois in "L' Image fantastique"
Phantastische Literatur erzählt von dem allmählichen Einsichern der Welt des Phantastischen in unsere andere, die wir mit einer abgegriffenen Konvention die Welt des Wirklichen nennen.
Jorge Luis Borges
Phantastik ist ein Zweig des Realismus, der in Domänen hineinwächst, die von der Vorstellungswelt noch nicht besetzt sind.
Stanislaw Lem
Nur wer von einer besseren Welt wenigstens träumen kann, gewinnt die Kraft für ihre Verwirklichung.
Iring Fetscher
Denn danach suchen wir letzten Endes nur, die Poesie ins Leben zu verweben, im Leben selbst die Poesie zu finden.
Michael Ende