In der Unendlichen Geschichte geht es vor allem um das Erzählen und Lesen. Bastian wird uns vorgestellt als ein Junge, der nur eines wirklich gut kann: sich Geschichten ausdenken und sie erzählen. Und er wird uns als eine Leseratte gezeigt, der jedes Buch verschlingt, das in seine Reichweite kommt. In die Geschichte wird er durch Lesen gezogen. Und immer wieder erzählt er Geschichten: zuerst dem Mädchen Christa aus der Nachbarschaft, später, in Phantásien, den Bewohnern der Silberstadt Amargánth. Erzählen ist für Michael Ende ein schöpferischer Prozess ganz besonderer Art.
Michael Ende wollte eine in sich stimmende Bilderwelt entwickeln, die der äußeren Wirklichkeit entspricht, auch wenn sie von ihr handelt. Er bemühte sich, aus der normalen Erzähllogik auszubrechen, sich von dem Rechtfertigungszwang der Kausallogik zu befreien, die immer einen Grund, eine Ursache für alles Geschehen braucht und den Leser nicht an die Hand nimmt. Viele solcher Geschichten vollendete Michael Ende in Der Spiegel im Spiegel.
Charakteristisch für Michael Endes Erzählen ist, dass die Dimensionen von Raum und Zeit verschwimmen – bis hin zum Surrealen. Seine Welten befinden sich an einem grenzenlosen Ort in Raum und Zeit: In Momo ist es die Zeit, die im Vordergrund steht, während die Unendliche Geschichte – wie der Name sagt – räumlich (Phantásien) und zeitlich unbegrenzt ist.
Wenn man ein gutes Buch liest, scheint die Zeit stehenzubleiben. Auch in der Unendlichen Geschichte geschieht das immer wieder: Als Atréju das Südliche Orakel verläßt, ist das Felsentor zerfallen und so bemoost, es wirkt, als läge es schon Hunderte Jahre zerstört. Und obwohl Atréju das Gefühl hat, nur wenige Stunden im Orakel gewesen zu sein, waren es ganze sieben Tage. Das Zauberschwert Sikánda hat seit jeher auf Bastian gewartet – obwohl das neue Phantásien erst einen Tag und eine Nacht lang existiert. Und als Bastian nach seiner Odyssee in die Menschenwelt zurückkehrt, glaubt er, wochen-, vielleicht jahrelang fort gewesen zu sein – und dabei ist nur eine Nacht vergangen. Denn in Phantásien ist Zeit nicht dasselbe wie in der Menschenwelt: In dem Augenblick als Bastian der Kindlichen Kaiserin ihren Namen gibt, schlägt die Turmuhr zwölf – danach zählt keine Uhrzeit mehr, bis er in die Menschenwelt zurückkehrt.
Die Unendliche Geschichte durchbricht immer wieder die lineare Erzählstruktur: Als Bastian sich weigert, nach Phantásien zu reisen, kommt alles zum Stillstand: Der Alte vom Wandernden Berge beginnt, Bastians Geschichte von vorne zu schreiben, Atréju geht wieder auf die Große Suche ... so lange, bis Bastian endlich der Kindlichen Kaiserin einen neuen Namen gibt. Der Kreis schließt sich im Laden Karl Konrad Koreanders: dort, wo Bastians Geschichte auch begonnen hat. Und so verweist bei den Initialen das Z nur zurück auf das A – denn schließlich hat eine Unendliche Geschichte kein letztes Kapitel.
Mit dem immer wiederkehrenden Satz: „Dies ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.“ eröffnet Michael Ende tausend neue Erzählstränge: Die ganze Struktur der Unendlichen Geschichte ist offen und selbst unendlich.
Mit poetischen Mitteln, die er selbst in Der Spiegel im Spiegel beschrieben hat, arbeitet Michael Ende die Unendlichkeit der Geschichte heraus. Das Buch im Buch-Motiv lässt sich unendlich weiterführen: Denn wenn Bastian glaubt, die Unendliche Geschichte zu lesen, sich dann aber als Person in diesem Buch findet – widerfährt dasselbe nicht auch denen, die gerade Bastians Geschichte lesen? Was Atréju für Bastian ist, ist Bastian für den Leser.
Diese Unendlichkeit ist symbolisiert in den Schlangen, die sich gegenseitig in den Schwanz beißen und bekanntlich auf dem kupferroten Seideneinband der Unendlichen Geschichte prangen.
Dem Leser der Unendlichen Geschichte werden immer wieder Bewohner Phantásiens begegnen, die er bereits kennt: ein Pegasus, ein Werwolf, ein weiser Löwe, ein junger Held, der an einen Indianer erinnert und viele mehr. In der Tat ist die Unendliche Geschichte voller Bezüge auf die Literaturen der verschiedensten Völker. Das hat einen Grund: denn Phantásien ist das Reich der Phantasie, die schließlich allen Menschen gemein ist. Und so ist es kein Wunder, wenn Bastian neben den Ausgeburten seiner eigenen Phantasie auch immer wieder Geschöpfen begegnet, von denen er schon einmal irgendwo gelesen hat.
Zugleich ist für Michael Endes Literatur Individualität charakteristisch. Denn die subjektive Imagination ist nicht übertragbar: es gibt kein Patentrezept, nur persönliche Lernprozesse, Erfolge und Misserfolge. Michael Ende hegte ein tiefes Misstrauen gegenüber politischen Ideologien. Und so persönlich wie ein Traum ist auch seine Vorstellung von Kunst:
„Was mich dazu bewegt, meine Geschichten im Phantastischen anzusiedeln, ist nichts anderes als das, was unser aller Unterbewusstsein dazu bewegt, innerseelische Vorgänge in Traumbildern auszudrücken. Da für mich Poesie und Kunst überhaupt in nichts anderem besteht, als Außenbilder in Innenbilder und Innenbilder in Außenbilder zu verwandeln (wie es im übrigen in allen Kulturen üblich war) liegt diese Form des Ausdrucks nahe. Nach meiner Ansicht wird die Welt nur durch diese „Poetisierung“ (Novalis) für den Menschen bewohnbar. Damit will ich sagen, nur wenn der Mensch sich in der ihn umgebenden Welt wieder erkennt, und umgekehrt, wenn er die Bilder der Welt in seiner eigenen Seele wieder findet, kann er sich auf der Welt heimisch fühlen. Genau darin liegt das Wesen jeder Kultur.“