Inmitten eines Labyrinths aus Beeten mit duftenden Blumen, wie man sie sich gar nicht farbenprächtig und wunderbar genug vorstellen kann, liegt in feenhaftem Weiß strahlend der Elfenbeinturm: das Herz Phantásiens. Der Elfenbeinturm ist der Wohnort der Kindlichen Kaiserin. Er ist nicht befestigt, denn gegen wen sollte sie sich auch verteidigen müssen? Ohne sie kann schließlich kein Wesen in Phantásien existieren. Nur, wenn den einen oder anderen Phantásienreisenden der Größenwahn packt und er, wie Bastian, selbst Kaiser werden will, verlässt sie den Turm.
Eigentlich ist der Elfenbeinturm kein Turm im engeren Sinne, denn er ist groß wie eine ganze Stadt und sieht von ferne aus wie ein spitzer Bergkegel, der wie ein Schneckenhaus gedreht ist und dessen Spitze in den Wolken liegt. Wenn man sich ihm nähert, sieht man, daß dieser Zuckerhut sich aus tausenderlei Türmchen, Erkern und Treppen und Häuschen zusammensetzt, die phantastisch ineinander geschachtelt sind. Alles ist aus feinstem Elfenbein geschnitzt, so fein, dass es wie Spitze aussieht. Hier wohnt der Hofstaat der Kindlichen Kaiserin, und ganz oben auf dem Turm, im Magnolienpavillon, wohnt die Kindliche Kaiserin selbst. Der Pavillon hat die Form einer weißen Magnolienknospe, und in schönen Vollmondnächten entfalten sich die Elfenbeinblätter, so dass man die Kindliche Kaiserin in der Mitte sitzen sehen kann.
Magnolienbäume stammen aus Ostasien, und auch das Kind in der Blume ist ein fernöstliches Symbol: Der Buddha soll aus einer Lotosblüte geboren worden sein. E.T.A. Hoffmann hatte das Motiv in Prinzessin Brambilla verwendet: „Da, oh des herrlichen Wunders, stieg aus dem Kelch der Lotosblume ein göttlich Frauenbild empor“ und „... aber eine schöne Lotosblume empor, in deren Kelch ein holdes, schlummerndes Kind lag.“
Fernöstlich inspiriert ist auch die Darstellung des ganzen Elfenbeinturms, der an ein Mandala erinnert.
Im unteren Bereich, wo Gäste zeremoniell mit einem Begrüßungstrunk geehrt werden, gibt es Stallungen für die sonderbarsten Reittiere: Fledermäuse, blaue Elefanten, einen Pegasus und viele mehr. Die Hauptstraße läuft die immer enger werdende Spirale nach oben. Der eigentliche Palastbezirk befindet sich im oberen Teil ein paar Stockwerke unter dem Magnolienpavillon: Dort ist auch der gewaltige kreisrunde Thronsaal. Steigt man weiter hinauf, gelangt man zum obersten Stockwerk, das zum Magnolienpavillon führt. Doch der letzte Teil des Turms hat keine Stufen, er ragt weiß und glatt empor, und kein Weg führt hinauf. So ist es auch unmöglich, Stufen hineinzuschlagen oder Leitern anzulegen – gewaltsam kann der Magnolienpavillon nicht erstiegen werden. Als Bastian sich dort zum Kaiser krönen lassen will und Atréju die Zeremonie verhindert, kommt es zu einer blutigen Schlacht um den Elfenbeinturm, an deren Ende dieser in sich zusammenbricht.
Wenn der Elfenbeinturm das Herz Phantásiens, gewissermaßen dessen Weltachse darstellt, dann ist Bastians Innenwelt in diesem Augenblick zerstört worden.
Was ist also nach Bastians Rückkehr aus dem Elfenbeinturm geworden? Professor Engywuck hat die Unglücksstelle aufgesucht, um seine große Enzyklopädie zu vervollständigen. Als er dort ankam, stand der Elfenbeinturm in ganzer Schönheit wieder vor ihm inmitten seines Blumenlabyrinths. Engywuck vermutet, dass er sich in dem Augenblick von selbst wieder aufgerichtet hat, als Bastian mit dem Wasser des Lebens in seine Welt zurückkehrte. Mit der Rückkehr in die Menschenwelt hat Bastian auch Phantásien wieder gesund werden lassen.
Motive am Elfenbeinturm
Der Elfenbeinturm ist als Wort keine Erfindung Michael Endes. Dass sie „im Elfenbeinturm leben“ sagt man von weltfremden Dichtern oder Gelehrten, die der Welt weitgehend entrückt leben. Der Rückzug in die Studierstube, die Welt draußen lassen – wahrscheinlich hat Michael Ende dieser Gedanke dazu inspiriert, den Elfenbeinturm als Herz Phantásiens darzustellen. Michael Endes Vater, der Kunstmaler Edgar Ende, pflegte sich in einen dunklen Raum zurückzuziehen und dort auf die Inspiration zu seinen Bildern zu warten. Er saß einfach im Dunkeln und wartete, bis er das Bild vor sich sah. Dann skizzierte er es im Dunkeln und malte es später nach dieser Skizze.
Michael Ende nimmt das Motiv auf: Im Rückzug von der Welt, in der Besinnung auf die Phantasie alleine und ohne äußere Einflüsse liegt das Herz Phantásiens. Insofern muß jeder Phantásienreisende hin und wieder „im Elfenbeinturm leben“. In der Kunsttheorie des angehenden 20. Jahrhunderts war der Elfenbeinturm, anders als heute, kein polemischer Begriff, sondern wurde von vielen Künstlern als Ideal gepriesen.
Michael Endes Darstellung orientiert sich an Bildern des Turms zu Babel, z.B. dem berühmten Bild von Pieter Bruegel. Auch hier erscheint der Turm eigentlich als eine Stadt, die eine spiralförmig nach oben aufsteigende Hauptstraße besitzt und sich nach oben verjüngt.
Das Labyrinth, das den Elfenbeinturm umgibt, ein zentrales Motiv aller phantastischer und imaginärer Literatur und Kunst, könnte in diesem Fall auf den Einfluß von Michael Endes Freund und Nachbar Gustav René Hocke zurückgehen: Hocke beschäftigte sich mit dem Phänomen des Manierismus in Kunst, Literatur und Musik und vor allem mit dem Labyrinth, Themen, die er in seinem Buch Die Welt als Labyrinth. Manierismus in der europäischen Kunst und Literatur dargestellt hatte.)